Vier Felder – viele Dynamiken

Die Matrix des A_MMM ist mehr als ein Schema. Sie ist eine Verstehensfigur. Sie hilft, komplexe Beziehungslagen zu erfassen, ohne sie zu reduzieren.
Im Zentrum steht das Miteinander – zwischen Wahrnehmung, Erleben, Beziehung und Gestaltung.
Die vier Felder der Matrix
- Das Feld des Beobachtbaren (c-it1)
– äußere Strukturen, Prozesse, Regeln
– zählbar, messbar, formulierbar - Das Feld des Erlebten (c-me)
– Gefühle, Erwartungen, biografische Prägungen
– unsichtbar, aber spürbar - Das Feld des Gemeinsamen (c-us)
– Beziehung, Dialog, emergente Verständigung
– weder privat noch rein objektiv – sondern geteilt und geschaffen - Das Feld des Gestaltbaren (c-it2)
– Vereinbarungen, Entscheidungen, neue Strukturen
– hier wird sichtbar, was aus Dialog und Selbstklärung entstehen kann
Diese vier Felder überlagern sich nicht – sie bedingen einander.
Verständnis entsteht dort, wo sie in Beziehung treten.
Wichtig: Die vier Felder der Matrix sind keine Prozessphasen. Sie beschreiben unterschiedliche Operationslogiken, die in sozialen Systemen gleichzeitig wirksam sind – verschiedene Weisen also, Sinn zu erzeugen, Wahrnehmung zu ordnen und Kommunikation zu strukturieren.
In Mediationsverfahren zeigt sich jedoch häufig eine fraktale Entsprechung: Bestimmte Phasen folgen bevorzugt einer dieser Logiken – etwa der Sachverhaltsklärung (c-it1), der Selbstklärung (c-me), der dialogischen Verständigung (c-us) oder der gemeinsamen Gestaltung von Vereinbarungen (c-it2). Reale Gesprächsprozesse verlaufen jedoch selten linear. Konfliktparteien wechseln immer wieder zwischen diesen Logiken. Eine zentrale Aufgabe der Mediatorin oder des Mediators besteht darin, diese Wechsel wahrzunehmen und das Gespräch in jene Logik zurückzuführen, die für den Prozess gerade produktiv ist.
In der Darstellung sind die vier Felder durch strichlierte Linien voneinander abgegrenzt – als durchlässige Membranen. Sie ermöglichen Übergänge: zwischen dem Sichtbaren und dem Spürbaren, zwischen individueller Erfahrung und geteilter Wirklichkeit. Verdichten oder verhärten sie sich ...
In der Darstellung sind die vier Felder durch strichlierte Linien voneinander abgegrenzt – als durchlässige Membranen. Sie ermöglichen Übergänge: zwischen dem Sichtbaren und dem Spürbaren, zwischen individueller Erfahrung und geteilter Wirklichkeit. Verdichten oder verhärten sie sich – etwa durch Missverständnisse, emotionale Verletzungen oder rigide Strukturen –, kann der Wechsel zwischen den Feldern ins Stocken geraten. Im Ad_Monter Meta Modell bedeutet Prozessarbeit deshalb auch: an den Grenzen zu lauschen, Resonanz zu ermöglichen, wo zuvor Schweigen oder Abwehr war. Diese inneren Übergänge – wir nennen sie Horizontlinien – sind Orte besonderer Aufmerksamkeit.
Die Matrix als Verstehensfigur
Die Matrix zeigt nicht einfach vier Bereiche nebeneinander. Sie macht sichtbar, dass in komplexen Situationen unterschiedliche Wirklichkeitszugänge gleichzeitig wirksam sind. Was im einen Feld plausibel erscheint, kann im anderen unzureichend bleiben. Gerade darin liegt ihre Stärke: Sie hilft, Spannungen nicht vorschnell aufzulösen, sondern in ihrer jeweiligen Logik zu verstehen.
So kann ein Konflikt sachlich gut beschrieben sein und dennoch innerlich ungeklärt bleiben. Eine Beziehung kann tragfähig wirken, ohne dass bereits eine tragende Struktur entstanden ist. Und eine Vereinbarung kann formal überzeugen, ohne wirklich aus gemeinsamer Verständigung hervorgegangen zu sein.
Die Matrix erinnert daran:
Nicht alles, was sichtbar ist, ist schon verstanden.
Und nicht alles, was empfunden wird, ist schon gestaltbar.
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Leon Kramer hatte die Präsentation vorbereitet: Marktanalysen, Wachstumsprognosen, internationale Partner – alles auf den Punkt. Sein Vater, Emil, hörte schweigend zu. Als Leon geendet hatte, sagte Emil nur: „Ich sehe, dass es funktioniert. Aber ich spüre nichts.“
Leon schwieg. Dann: „Was würdest du denn spüren wollen?“
Emil antwortete nicht gleich. Dann sagte er leise: „Dass das, was du tust, auch unsere Geschichte weitererzählt.“
In diesem Moment wurde deutlich: Beide hatten recht – aber sie sprachen aus unterschiedlichen Feldern. Der eine aus der Logik der Funktion, der andere aus der Logik der Bedeutung.
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Systemlogiken verstehen
Die Matrix bleibt nicht neutral. In ihren Feldern wirken unterschiedliche Logiken – also verschiedene Weisen, Sinn zu erzeugen, Wahrnehmung zu ordnen und Handeln zu koordinieren.
Logik der Funktion
– Was funktioniert? Was dient dem Ziel?
– Typisch für Organisationen, Märkte, Systeme mit Zweckbindung.
– Wirkung: effizient, aber oft beziehungsschwach.
Logik der Beziehung
– Was hält uns verbunden? Was wird als stimmig erlebt?
– Wirksam in Familien, Teams und anderen sozialen Nahbezügen.
– Wirkung: tragfähig, aber nicht immer entscheidungsstark.
Logik der Bedeutung
– Was erscheint mir sinnhaft? Was berührt mich?
– Entspringt dem Erleben Einzelner, wirkt aber in Beziehungen und Strukturen hinein.
– Wirkung: tief, aber nicht immer leicht formulierbar.
Logik der Gestaltung
– Was lässt sich verbindlich formen? Was kann gemeinsam getragen werden?
– Wirksam in Vereinbarungen, Rollen, Verfahren und neuen Ordnungen.
– Wirkung: strukturierend, aber nur tragfähig, wenn sie aus Klärung und Resonanz hervorgeht.
Vom Feld zur Bewegung
Die Matrix ist deshalb kein starres Raster. Sie wird produktiv, wenn man die Bewegungen zwischen den Feldern wahrnimmt. Wer nur im Beobachtbaren bleibt, übersieht oft das Erleben. Wer nur beim Erleben verweilt, findet nicht immer in die gemeinsame Verständigung. Wer Beziehung stärkt, hat noch nicht automatisch eine tragfähige Form geschaffen. Und wer gestaltet, ohne den Weg durch die anderen Felder zu gehen, riskiert formale Lösungen ohne innere Bindung.
Im A_MMM liegt darin eine wesentliche Prozessbewegung: von c-it1 über c-me und c-us zu c-it2. Nicht als starre Reihenfolge in jedem Fall, wohl aber als tragfähige Orientierung: vom Gegenstand über das Erleben und das Gemeinsame hin zu einer Form, die gestaltbar und tragfähig wird.
Systemisch statt psychologisch
Wir folgen keiner psychischen Logik im engeren Sinn. Es geht nicht um Diagnosen oder um die Deutung innerer Zustände, sondern um das, was zwischen Menschen wirksam wird – in Sprache, Verhalten, Struktur und Resonanz.
Was wir sehen, reicht nicht aus. Was im Inneren mitschwingt, prägt Beziehung. Was zwischen Menschen entsteht, verlangt nach Form. Das A_MMM rahmt deshalb auch das, was nicht unmittelbar messbar ist – ohne es aus dem Prozessdenken zu entlassen.
🔗 Weiterführende Verbindungen
- Zur Herkunft der Matrixform: Herkunft & Formkraft
- Zur Architektur der Ad_Monter Raute: Die Ad_Monter Raute
- Zum Verstehen systemischer Dynamiken: Soziale Systeme
- Zur Integration von Innen- und Außenperspektive: .Mächtigung & Selbstbeziehung
- Zum Übergang in gemeinsame Sinnbildung: Resonanzraum
- Zur dialogischen Entfaltung: Die drei Wege
- Zur Arbeit mit der Matrix in der Praxis: Familienunternehmen
- Begriffe & Systembezüge: Glossar zentraler Begriffe